EFD · Personal

Züge

Hallo ihr Lieben,

Da ich am Montag wieder in die Heimat abreise, werde ich euch einen sehr persönlichen Text über Zugfahrten schreiben.

Graz und Marburg, das sind 12 Stunden auf Gleisen. Ein Tag vorbeihuschen an verschwommenen Bahnhöfen und Landschaften. Manchmal ein Blick auf einen markanten Berg. Hier bin ich zuhause. Ich liebe Marburg, aber ich vermisse meine Heimat. Ich bin gerne zuhause in Graz, aber mir geht meine gerade gewonnene Freiheit ab. Doch in dem Moment, wo ich mich in den Sessel zurücklehne und mir an den Coffee-to-Go die Finger verbrenne, da bin ich glücklich. Wenn ich fühle, wie sich der Zug in Bewegung setzt, atme ich aus.

Hier wie dort bin ich jemand. Die Tochter. Die Erwachsene. Hier im Zug, eingeengt zwischen meinem Koffer und dem des Nachbarn, habe ich Platz. Niemand erwartet etwas von mir, außer vielleicht der Schaffner die Fahrkarte. Ohne schlechtes Gewissen nichts tun, durch ein Fenster von der Welt abgekapselt, wo hat man das schon? Das Zugfenster spiegelt mein eigenes Gesicht. Ich bin eine Vagabundin, eine Aufgebrochene. Kein Kind aber auch noch nicht die Person, die ich sein werde, wenn ich angekommen bin. Ich bin in die richtige Richtung unterwegs aber meine Unruhe zieht mich zügig weiter. Richtig, ich bin ein Zugvogel.

Wohin? Wo bin ich jetzt? Genau, Frankfurt am Main, ich bin dieser Passagier der am Bahnsteig am Boden sitzt, immer noch Kaffee in der Hand, leider schon kalt. Das bin ich, und ich hoffe, meinen Anschluss nicht zu verpassen. Neben mir mein Koffer voll unnötiger Beschwernisse, für den Moment abgelegt.

Beim Reisen verschwimmen die Grenzen. Auf der Strecke zwischen München und Salzburg weiß ich nicht mehr, ob ich noch in Deutschland oder schon in Österreich bin.  Keine Passkontrollen, selbst meinem Handy ist das Roaming inzwischen egal. Der Gedanke, das man zwischen hier und dort eine Grenze ziehen kann, ist absurd. Ich halte es für völlig normal, mich ohne Pass bewegen zu können. Oder das ich in Berlin leben kann oder Madrid oder London oder Ljubljana, wenn ich möchte. Zumindest früher war das für mich, als junge Europäerin, selbstverständlich. Heute ist mir klar, wie wertvoll, weil endlich, diese Freiheit ist.

Wo bin ich jetzt? Bei Schladming,  mein Zug fährt durch die Berge, vorbei an stillgelegten Liften und idyllischen Almhütten. Ich bin Österreicherin, fällt mir ein. Ich sage Jänner statt Januar und weiß was schiach bedeutet. Ich fahre Ski, trinke Melange, hab ein Dirndl und höre Mozartopern.  Ein bisschen bei den Wurzeln bleibt man ja, und man hebt sich zeitweise auch gerne ab. Wir sind eben doch alle ein klein wenig anders. Jodeln kann ich trotzdem nicht.

Versteht mich nicht falsch, ich komme gerne an. Wenn der Zug quietschend einfährt, und die Augen schon nach Vertrautem suchen, das Haus, dieser Berg und man sich nochmals die Schuhbänder zubindet. Jetzt, jetzt weißt du, es geht weiter. Wenn der Zug langsamer wird, und mein Herz in Erwartung klopft. Vielleicht warte ich ja schon auf mich. Dann stehe ich orientierungslos auf dem Bahnsteig und höre die Lautsprecherdurchsagen, ohne ein Wort zu verstehen. Und ich weiß, ich bin noch nicht da.

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